Neonazi-Netz-Vorlieben: Warum finden Nazis „Frei.Wild“ gut?
Die Band „Frei.Wild“ ist aktuell sehr erfolgreich - auch in der rechtsextremen Szene. Viele Neonazis geben sie auf ihren Profilen im Web 2.0 an. Aber warum mögen Neonazis diese Chart-Rockmusik?
Die aktuell sehr erfolgreiche Band „Frei.Wild“ gilt als Band in den Fußstapfen der „Böhsen Onkelz“ und bearbeitet das Feld der „patriotischen Popkultur“. „Frei.Wild“ behauptet, unpolitisch zu sein – bedient in den Texten aber nationalistisch-völkische Klischeebilder oder singt über islamfeindliche Abschottungsphantasien. Die Band gefällt sich im „Wir-gegen-Euch“-Gestus der „Unangepassten“ gegen das (politische) System. Um ihren kommerziellen Erfolg trotzdem nicht zu gefährden, greifen sie zur in der Szene nicht unüblichen Taktik, sich lautstark gegen „Nazi-Sein“ zu verwehren, um zugleich rechtsaffine Inhalte ungestört verbreiten zu können. Die neonazistische Vergangenheit des Sängers wird zur „Jugendsünde“, das Engagement bei einer rechtspopulistischen Südtiroler Partei am liebsten verschwiegen. Die rechtsextreme Szene weiß das trotzdem zu lesen – schon weil „Frei.Wild“ so eine perfekte Schnittstelle zu mehr oder weniger rechtsoffenen Jugendlichen ist. (sr)
Die Zeit widmet sich in ihrer zwanzigsten Ausgabe dieses Jahres mit einem Artikel der Causa Frei.Wild. Dabei nimmt der Autor auch Bezug auf die Aktionen des Bündnisses Frei.Geist gegen das Frei.Wild-Konzert in Pahlen und die Reaktionen der Frei.Wild-Anhänger_innen auf diese.
[…] Das zeigt sich auch immer wieder rund um Auftritte der Gruppe: Als Ende März in dem kleinen Örtchen Pahlen in Schleswig-Holstein eine Initiative gegen Rechts vor der Konzerthalle protestierte, flogen Flaschen auf die knapp 50 Jugendlichen. Andere Frei.Wild-Zuschauer riefen »Zick, zack, Zigeunerpack« und einen Klassiker aus der Neonaziszene: »Eine U-Bahn bauen wir, von Pahlen bis nach Auschwitz«. Das indizierte Original, in dem es »von Jerusalem bis nach Auschwitz« heißt, stammt von der Rechtsrockgruppe Kommando Freisler. […]
Die Recherchen des Verfassers beinhalteten offenbar auch den Erlebnisbericht des Shmokblogs von der Kundgebung gegen Frei.Wild, auf den an dieser Stelle nochmals hingewiesen sei.
Hier nochmal die Karte von der Situation vor Ort (Bild: Google Earth)
Kundgebung gegen rechte Musik und die Grauzone
24.3.2012 - 17:00 Uhr
auf dem Parkplatz des Pahlazzos/der Eiderlandhalle - Pahlen
Letzte Infos für morgen
Morgen ist es so weit: Frei.Wild werden ihr Konzert in Pahlen spielen und wir werden mit einer Kundgebung unseren Unmut über die Band und ihre Texte äußern.
Falls ihr noch nicht wisst wie ihr morgen zur Kundgebung kommen wollt - Pahlen ist ja nicht gerade der Nabel der Welt - könnt ihr euch gerne per Mail an uns wenden. Wir vermitteln gerne Fahrgemeinschaften ab dem Heider Bahnhof nach Pahlen und nach der Kundgebung zurück. Gerne könnt ihr euch auch melden, wenn ihr noch Menschen in eurem Auto mitnehmen könnt und wollt. Wir reisen also möglichst gemeinsam an, aber natürlich könnt ihr auch direkt nach Pahlen kommen. Die Kundgebung findet ab 17.00 Uhr auf dem Parkplatz des Pahlazzos statt. Seid aber in jedem Fall vorsichtig und passt aufeinander auf - es stehen uns nicht alle wohlgesinnt gegenüber.
Ansonsten gelten wie immer die üblichen Regeln wie auf allen Demos:
- Personalausweis mitnehmen
- keine Vermummung
- lasst Drogen, Waffen (auch “passive Waffen” oder Taschenmesser) und alles andere, was ihr auf der Kundgebung nicht gebrauchen könnt und gegen euch verwendet werden könnte zu Hause.
- passt auf euch auf und kommt möglichst zusammen zur Kundgebung
- bleibt ruhig, vermeidet unnötige Provokationen und wendet euch bei Fragen und Ähnlichem an die Ordner_innen - so vermeidet ihr Überraschungen in hektischen Situationen
Solltet ihr noch Anregungen oder Fragen haben, meldet euch gerne per Mail bei uns. Wir können dann versuchen das mit euch zu klären.
Wir freuen uns auf eine friedliche aussagekräftige Kundgebung mit zahlreichen Mitstreiter_innen.
Auch Casper und Kraftklub haben ein Problem mit Frei.Wild:
…die Welt wär vielleicht besser, Frei.Wild endlich aufgelöst. Immer noch für Nazis kein GO, Bitte, bitte Gott, gib mir noch mal ein Album von eins zwo! …
(ab 1:30)
Infos zu unseren Aktionen gibt es außerdem auf folgenden Facebookseiten:
Ankündigung: Infoveranstaltung gegen rechte Musik und die Grauzone
Immerhin: “Gegen Nazis” sind viele, die sich in Subkulturen oder in der Populärkultur bewegen – Frei.wild-Fans auf der Fußball-Fanmeile oder auch OI-AnhängerInnen, die die Politik sowieso ablehnen. Doch jenseits der White-Power-Rockmusik etablieren sich rechte Lebenswelten, für die die Kategorie “Nazis” genauso wenig zutrifft wie das Label “unpolitisch”. Sie sind irgendwo dazwischen, in der Grauzone. Diese Grauzone reicht weit hinein in “alternative” Szenen und bedeutet einen zunehmenden Raumverlust für linke, emanzipatorische Ideen.
Die Veranstaltung wird den folgenden Fragen nachgehen: Wo beginnt die Grauzone, wo hört sie auf? Wieso erlebt sie heute Dynamik? Und was sind eigentliche “rechte Lebenswelten”?Entsprechende Strömungen in Punk und OI sind ebenso Thema wie die Popkultur von Böhse Onkelz und Frei.wild. Zum Einen wird anhand von Beispielen aufgezeigt, wie eng manch „unpolitische“ KünstlerInnen aus der Grauzone mit extrem rechten Milieus verwoben sind. Zum Anderen gibt es unappetitliche Einblicke in reaktionäre Männerwelten, spießbürgerliche Rebellionsfantasien und in Wertebilder, die auf Ballermann-Partys und in Bildungszeitungs-Leserbriefen wahrlich besser aufgehoben wären als in links codierten Szenen.
Am 24.3.2012 wird die Musikgruppe Frei.Wild aus dem italienischen Südtirol im Rahmen ihrer „Allein nach Vorne“-Clubtour unter anderem auch Halt in Pahlen machen. An sich ist dies keine Ungewöhnlichkeit; nutzten doch schon viele, auch bekanntere Bands, die Eiderlandhalle des Pahlazzos als Spielstätte. Bei Frei.Wild verhalten sich die Dinge aber anders:
Einige Mitglieder von Frei.Wild, vielen Menschen als Nachfolgeband der „Deutschrockgruppe“ Böhse Onkelz bekannt, teilen mit ihren eben genannten Vorbildern eine Gemeinsamkeit: die Vergangenheit in der rechten Szene. Frei.Wild-Sänger Philipp Burger spielte früher in der Nazi-Band Kaiserjäger. Außerdem war er bis in das Jahr 2008 hinein Mitglied der als europafeindlich und rechtspopulistisch einzustufenden Partei „ Die Freiheitlichen“, die für eine „Stärkung des Tiroler Volksbewusstseins“, eine Anbindung Südtirols an den „deutschen Sprach- und Kulturraum“ und gegen Zuwanderung und Multikulturalismus eintritt, um nur einige der rückständigen Forderungen zu nennen.
Der Austritt Burgers aus der Partei ist allerdings kaum als Gesinnungswandel zu begreifen, sondern fand wohl vielmehr auf Anraten des Frei.Wild-Managements statt, nachdem die Band wegen eines Auftritts bei einer Parteiveranstaltung mit Kritik konfrontiert worden war und eine langfristige Rufschädigung befürchtet worden war. Burger sympathisiert wohl nach wie vor mit rassistischen, nationalistischen und anderen menschenfeindlichen Inhalten der Partei. Obwohl er und Frei.Wild versuchen, sich selbst als unpolitische Band zu inszenieren und dieses Image aufrechtzuerhalten, sind zahlreiche Songtexte von einer nationalistischen Blut- und Bodenideologie geprägt.
Dem „unpolitischen“ Selbstverständnis der Band widerspricht auch die große Zahl an offen auftretenden Nazis auf ihren Konzerten, die sich dort unter unpolitische Jugendliche mischen. Hierin besteht die Gefahr, die von Bands ausgeht, die, wie Frei.Wild, der sogenannten Grauzone zugeordnet werden. Solche Bands sind politisch weder schwarz, also eindeutig faschistisch oder neonazistisch, noch weiß und demokratisch bzw. wirklich unpolitisch.
Verschiedene antifaschistische Gruppen dokumentierten bereits Versuche organisierter Nazis auf den Konzerten in bierseliger Feierstimmung neue Kamerad_innen zu rekrutieren. Eine richtige Distanzierung von solchen „Fans“ hält die „unpolitische“ Band Frei.Wild allerdings nicht für nötig: Frontmann Philipp Burger ließ verlauten, dass auf den Konzerten seiner Band auch Naziskinheads willkommen seien, „solange sich die Leute benehmen“. Eine mehr als zynisch klingende Aussage, wenn man das Konzert vom 29.12.2011 in Dresden im Hinterkopf behält, nach welchem eine ursprünglich aus Kenia stammende Frau von Konzertbesucher_innen in der Nähe der Veranstaltungshalle rassistisch beleidigt, bespuckt und schließlich niedergeschlagen wurde.
Wir wollen keine Konzerte, auf denen Nazis geduldet und rechtsoffene Inhalte propagiert werden.
Wir rufen daher die Betreiber_innen des Pahlazzos und alle anderen Konzertveranstalter_innen und Clubbetreiber_innen dazu auf keine Bands spielen zu lassen, die der Grauzone oder dem Rechtsrock zuzuordnen sind.
Nationalismus ist nicht unpolitisch. Nazis und anderen rechten Gestalten die Party versauen